Konzert-Bericht: Gaslight Anthem, Chuck Ragan, Sharks

Gaslight Anthem, Chuck Ragan, Sharks
Köln / E-Werk
26.10.2010

Great Expectations“- damit könnte man die Erwartungshaltung (zumindest meine persönliche) an diesen Abend beschreiben. Als großer Fan von The Gaslight Anthem war es keine Frage, zumindest ein Konzert der Tour zu genießen, nachdem mich sowohl die kürzlich erschienene Platte „American Slang“ als auch der (wohlgemerkt völlig verregnete) Auftritt beim diesjährigen Area 4- Festival mehr als überzeugt haben. Erst nach dem Kartenkauf wurde mir bewusst, dass Chuck Ragan als Support dabei sein würde, was die Vorfreude nur noch steigerte: zwar kenne ich nicht mehr als ein paar Songs von dem bärtigen (und bärigen) Herren, aber die Intensität seiner Musik konnte live ja nur noch verstärkt werden. Als dann noch die „Newcomer“ Sharks angekündigt wurden, war für mich klar: der Abend muss groß werden. Der erste Eindruck beim Eintreffen im Kölner E- Werk war „Hui, großer Laden“. Zwar war mir bewusst, dass der Hype um The Gaslight Anthem im vergangenen Jahr sozusagen von Null auf Hundert gestiegen war (als ich das erste mal „American Slang“ bei Einslive gehört habe, war ich zugegebenermaßen etwas schockiert), trotzdem habe ich mit der Band eher immer kleine, dunkle, dreckige und somit für meine Begriffe gemütliche Läden in Verbindung gemacht. Aber nun gut, man soll der Band ja ihren Erfolg bei der breiten Masse gönnen. Ich positionierte mich also schon vor der ersten Band vorne links an der Bühne (im Nachhinein eine mehr als gute Idee, da später kein Durchkommen mehr war). Das Publikum machte einen angenehm entspannten Eindruck, wobei der Anteil der Brian Fallon Doubles recht auffällig war, angesichts des Alters kam ich mir zuweilen ein bisschen vor wie bei der Mini- Playback- Show.


Als erster Support Act versuchten nun die jungen Herren von den Sharks aus England ihr Glück beim deutschen Publikum. Ich kannte vorher die EP „show off hands“ und war deswegen durchweg positiv konditioniert auf diese Band. Als melodiös, schön „rotzig“ und progressiv würde ich als vollkommen unwissende auf dem musikalischen Fachgebiet die Musik beschreiben. Ähnlich war auch die Live- Performance: sympathisch, selbstbewusst, motiviert, also mit „Spass an der Freude“ traten die Sharks auf. Das Publikum war durchaus gewillt sich mitreissen zu lassen; mein persönliches Highlight des Auftrittes war der Song „It all relates.“ Fazit: reinhören mehr als empfehlenswert.

Nach einer kurzen Umbauphase war es dann Zeit für den Mann aus Kalifornien mit der Stimme, die einen packt und nicht mehr loslässt. Chuck Ragan trat in Begleitung eines Geigers auf, was die Atmosphäre seiner sowieso schon intensiven, melancholischen und packenden Songs noch unterstützte. Wie gewohnt mit einer meiner Meinung nach unvergleichbaren Stimmkraft und einer einnehmenden Bühnenpräsenz erzeugte Herr Ragan im E- Werk eine fast „andächtige“ Stimmung während seiner Songs; am Ende jeden Stückes gab es beigeisterten Applaus, offenkundig waren auch viele Leute (verständlicherweise) wegen ihm gekommen. Highlight bei diesem Auftritt war für mich „The boat“; selten packt mich ein Lied dermaßen emotional (jaja, sentimentales Frauengelaber, ich weiß).

Nachdem Chuck Ragan die Bühne verließ, machte sich in der Halle eine rege Vorfreude auf den Hauptact The Gaslight Anthem breit: ich selbst war damit beschäftigt, meinen Platz gegen mehrere offenkundig ältere Herrschaften mit einer Körpergröße von schätzungsweise 2, 20 m zu verteidigen, die wegen Chuck Ragan gekommen waren und The Gaslight Anthem offensichtlich mit einer Art Boyband verwechselten. Nach diesem kurzen Moment der Irritation ging es dann endlich los: mit „High and Lonesome“ vom Album „The 59 Sound“ ging es gleich sozusagen „volles Mett“ nach vorne: die Band wirkte vom ersten Moment an motiviert, das Ding richtig zu rocken. Das Publikum brauchte dagegen ein paar Songs, um richtig mitzugehen; danach wurde aber deutlich, dass nicht nur Stücke von der neuen Platte wie „Bring it on“, „ Stay Lucky“ oder „ The Spirit of Jazz“ bekannt waren: auch Songs vom ersten Album „Sink or Swim“ wurden textsicher und lauthals mitgesungen. Das schien besonders Sänger Brian Fallon ( der, diese Bemerkung wird vermutlich gestrichen, wieder unverschämt gut aussah) zu freuen, der sich bei den Fans dafür bedankte, dass diese nicht nur die neue Platte kennen. Während des ganzen Auftrittes gab es keinen einzigen Song, bei dem der Eindruck entstand, dass dieser als „Lückenfüller“ fungieren sollte: das Konzert hatte vielmehr die Gestalt eines „einzigen Hits“, was mir nochmal bewusst machte, dass diese Band (aus meiner Sichtweise) keinerlei Songs produziert, die von minderer Qualität sind oder über die man sich bei einer Live- Performance nicht freut. Die Kommunikation mit dem Publikum beschränkte sich zwar auf eher kurze Ansagen zwischen den Songs; das wurde aber durch den qualitativ mehr als guten und stimmungsvollen Auftritt wieder wett gemacht. Als Highlight (vor der Zugabe) wurde natürlich der „größte Hit“ der Band bis dato ausgepackt: das gesamte E- Werk feierte den „59 Sound“. Zu toppen wäre das ganze nur dadurch gewesen, dass Bruce Springsteen gitarrespielend auf die Bühne springt. The Gaslight Anthem ließen sich durch den begeisterten Jubel der Menge nicht lange um eine Zugabe bitten und hängten nochmal eine gute halbe Stunde dran, in der die aktuelle Single „American Slang“ den endgültigen Abschluss des Konzerts bildete: schweißgebadet, heiser und glücklich verließ ein Großteil des Publikums die Halle, auch meine „großen Erwartungen“ wurden mehr als erfüllt. Nur eine Bemerkung noch: warum meinen alle Bands, dass sie überdimensionale, protzige Banner benötigen, wenn sie anfangen in größeren Hallen zu spielen? Das ging mir bei Anti- Flag schon auf die Nerven.

 

Kristin

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