Konzert-Review: Die Ärzte, Muff Potter
Die Ärzte, Muff Potter
Bielefeld / Seidensticker Halle
08.06.2008
Die Ärzte sind ein Phänomen. Während andere Bands mit dem Alter doch deutlich an Bedeutung verlieren, scheint bei den Berlinern das genaue Gegenteil der Fall zu sein. Zwar reichen die neueren Alben nicht mehr an die drei Highlights nach der Reunion (vor allem „Die Bestie in Menschengestalt“ und „Planet Punk“, aber auch „13″) heran, dennoch wird der Hype um die Beste Band der Welt immer größer. Erst wurden immer riesigere Hallen und Open Airs gebucht, dann mußten selbst die größten Bühnen mehrfach gespielt werden. Auf der aktuellen „Jazzfäst“-Tour präsentieren die Ärzte ihr gelungenes neues Album „Jazz ist anders“ (um Längen besser als der Vorgänger „Geräusch“) und besuchen dabei gleich sechs Mal die riesige Berliner Wuhlheide, zwei Mal das Dresdener Elbufer und auch zwei Mal die Bielefelder Seidensticker Halle (beide Konzerte waren weit im voraus ausverkauft!).
Supportshows für die Ärzte haben sich schon mehrfach als bedeutendes Sprungbrett für einheimische Bands erwiesen. Man denke da in den 90ern vor allem an Wizo, aber auch (in etwas kleinerem Rahmen) an die Terrorgruppe oder die Busters und im neuen Jahrtausend vor allem an die Überflieger von den Beatsteaks. Nun bekamen also Muff Potter ihre Chance. Mit Muff Potter und den Ärzten verbindet mich die gleiche Tragödie: Von beiden Bands bin/war ich ein großer Fan, von beiden Bands haben mich die neueren Werke und die daraus resultierenden Setlists oftmals enttäuscht (auch wenn bei den Ärzten mit „Jazz ist anders“ eindeutig ein Trend zum Guten zu erkennen ist). Trotz dieser schlechten Ausgangslage war ich gespannt auf den Abend und allgemein guter Dinge…
Unter dem Geschrei der ausverkauften Seidensticker Halle trat Farin dann auch pünktlich um 21 Uhr auf die Bühne um ersteinmal um Ruhe zu bitten und dann die „Fahrraddiebe aus Münster“ anzukündigen. Muff Potter legten direkt mit dem „Halbenvollen Glas des Kulturpessimismus“ und „Steady Fremdkörper“ los und begrüßten auch die letzten Ecken Ostwestfalens (Detmold, Herford, Bünde). Wie zu erwarten, aber trotzdem auch zu meiner Enttäuschung, befanden sich im Set eigentlich nur Songs der beiden letzten Alben „Von wegen“ und „Steady Fremdkörper“. Von der „Heute wird gewonnen, bitte.“ gab es immerhin noch „Bis zum Mond“ und „Placebo Domingo“. Überhits der Pre-Major-Ära wie „Take A Run At The Sun“, „100 kilo“ und „Young until I die“ wurden ebenso ignoriert, wie neuere Hits à la „Den Haag“. Logisch, dass Bands in einem kurzen Supportslot vor allem neue Songs verwursten, dennoch ist das gerade bei Muff Potter schade. Als letzten Song präsentierten die Wahlmünsteraner noch „Alles nur geklaut“ und bauten darin zur allgemeinen Begeisterung auch noch den Ärzte-Klassiker „El Cattivo“ ein. So macht man sich Freunde! Wünschen wir Muff Potter, dass sie nach 15 Jahren Bandgeschichte und zwei Majoralben auf dieser Tour einige dazu gewonnen haben…
Dann wurde ein großer Vorhang mit der Aufschrift „Achtung Jazz“ hochgezogen. Die Massen drängten weiter nach vorne und in der dank Sonne, Blechdach und auch ein wenig Muff Potter aufgehitzten Seidesticker Halle wurden langsam Gesänge in Stadionmanier angestimmt. Die Ärzte legten mit „Himmelblau“ los, der Vorhang fiel erst später. Die typischen Späße der Berliner… Es folgten „Lied vom Scheitern“ und „Ein Sommer nur für mich“. „Nie mehr Krieg, nie wieder Las Vegas“ wurde aufgrund des Klimas in der Halle spontan in einer langsamen Version gespielt. Das Wort „Blechdach“ wurde in verschiedensten Songs immer wieder eingeworfen und irgendwie untergebracht. Zwischen den Songs zeigten sich Farin und Bela mal wieder als begnadete Entertainer, Rod war noch stiller als sonst. Während das Set bis zu diesem frühen Zeitpunkt keinerlei Überraschungen aufwies, ging es nun richtig los: Die B-Seite „Rettet die Wale“ schaffte es ebenso ins Set wie der Gabi und Uwe Klassiker „Das ist Rock’n'Roll“, der „5,6,7,8 Bullenstaat“-Song „Punkbabies“ und „Wir sind die Besten“ von der Bonus-EP vom aktuellen Album. Ebenfalls willkommene Überraschungen waren für mich „Vokuhila Superstar“ von der „Le Frisur“ und (nachdem Farin und Rod unter zur Hilfenahme von Walkingstöcken die Bühnenseite und somit die Instrumente getauscht hatten) „Vermissen Baby“ von der „Planet Punk“. Songs des neuen Albums wie „Lasse redn“ und „Junge“ konnten mich live mindestens ebenso überzeugen wie auf Platte. Die EM-Spielergebnisse, die Bela immer wieder durchgab oder auch in Songs einbaute lösten in der Halle Jubelstürme aus, ich freute mich eher, dass es auch „Rebell“ ins Set schaffte ( hatte ich doch erwartet, dass es aufgrund von „Deine Schuld“ nicht dabei ist). Besonders gut gefiel mir, dass die Berliner wieder zu einer schlichteren Bühnengestaltung zurückgekehrt sind. Kein Feuerwerk, keine überdimensionale Diskokugel. Durch solchen Schnick-Schnack wurde auf den vergangenen Touren nur von den Unterhaltungsqualitäten der Band abgelenkt. Im Zugabenteil zeigten sich „Schundersong“, „Schrei nach Liebe“ und natürlich das abschließende „Zu Spät“ als die Hightlights. Abschließend? Nein, diesmal war es nicht mit „Zu Spät“ vorbei. Die Ärzte kamen zur allgemeinen Überraschung noch einmal mit „Vorbei ist vorbei“ wieder, hörten jedoch mitten im Song auf zu spielen, das Playback lief weiter und die Drei verließen die Bühne. Cooles Ende des für mich besten Ärzte Konzertes seit langem!
Fazit:
Es ist kein Ende in Sicht. Nachdem ich von den letzten Ärzte Touren eher enttäuscht war, kann ich nach der Visite auf der „Jazzfäst“-Tour nur sagen: Danke, es geht doch! Die Ärzte sind immer noch lustig und können immer noch 2,5 Stunden unterhalten. Der Kompromis zwischen alten und neuen Songs ist diesmal gut gelungen und konnte auch Fans alter Tage überzeugen (da können sich Muff Potter ruhig mal was abschauen).
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