Platten-Review: Die Ärzte – Jazz ist anders / Jazz ist anders (Economy)
Ende 2007 ist das neue Die Ärzte Album “Jazz ist anders” erschienen. Die Platte ist mittlerweile in zwei Versionen zu haben, denn neben der “Standard”-Version gab es auf der “Es wird eng”-Tour und bei “Ärzte Fachhändlern” auch eine “Economy”-Version. Wir haben uns natürlich beide Versionen angehört…
| Release Infos: Die Ärzte – Jazz ist anders Label: Hot Action Records VÖ: 02.11.2007 Format: CD / Picture-LP + Bonus EP Tracks: 16 + 4 Links: http://www.bademeister.com Die Ärzte – Jazz ist anders (Economy) |
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Als “Fan alter Tage” bin ich immer noch gespannt auf Releases der Berliner, denn eins ist wohl unumstritten: Die Ärzte sind eine der kreativsten und auch prägendsten deutschen Bands. Erstmals lag auch die Produktion in den Händen der Band, die bereits seit Jahren auf einem eigenen Label veröffentlicht. Mit Schubladendenken wurde man dieser Band noch nie gerecht und so ist es auch bei “Jazz ist anders”: Wer über “Planet Punk oder “Die Bestie in Menschengestalt” an die Ärzte und Punkroock gekommen ist und es nun nicht mehr aus der Punkrock-Schublade heraus schafft, der wird natürlich auch mit dieser Scheibe nichts anfangen können. Alle anderen dürfen weiterlesen.
Beginnen möchte ich diese Review mit einer kleinen Produktübersicht:
Da wäre zuerst einmal die Standard-CD-Version des Albums, die kommt in einem kleinen Pizzakarton und enthält in der ersten Auflage zusätzlich noch eine kleine 3″-CD mit 3 Bonussongs und Hiddentrack. Bei den folgenden Auflagen gibt es immerhin noch einen Downloadcode für die Bonustracks. Dann wäre da die reguläre Vinyl-Version, und die hat es in sich: großer Pizzakarton, 12″- Pizza- Picture-LP, bei der ersten Auflage eine Bonus- 7″- Tomaten- Picture-EP mit den eben genannten Bonustracks und dazu noch ein Downloadcode für alle Songs im Mp3-Format! Fettes Paket, das mit rund 25 € zwar nicht ganz günstig, Preis- Leistungs- technisch jedoch durchaus annehmbar und für Sammler auf jeden Fall ein feines Stück ist.
Wichtig für alle Fans und Sammler dürfte auch die “Economy”-Version des Albums sein: anderes Artwork, andere Songarrangements und Texte. Diese “Economy”-Version ist auf Konzerten für 7 € als CD oder als Picture-LP in einfacher Verpackung für ca. 14 € bei den “Ärzte-Fachhändlern” zu haben. Puh, da ist der Sammler wohl einen Monatslohn los und kann sich gleich auch noch einen neuen Schrank kaufen.
Nun zur regulären Version:
“Jazz ist anders” ist ein weiterer Stein im Mosaik, dass die Ärzte als Spitze des intellektuellen, aber keinesfalls elitären oder beliebig interpretierbaren deutschen Poppunk/Rocks zeigt. Es ist bewunderswert, wie die ja mittlerweile durchaus ein wenig betagten Männer immer noch Songs schreiben können, die bei Teenies ankommen ohne aufgesetzt zu wirken. Und auch für Menschen über 18 geben die einfach gekonnten Reime und Blödelein der Berliner immer noch mehr als ein Schmunzeln her. Hier wird generationsübergreifende Kultur geboten.
Auch ein Thema lässt sich ausmachen: Es geht immer wieder über das “sich selber sein”, “die anderen Reden lassen” und “sich nicht selbst betrügen”. Das zeigen auch die Single-Auskopplungen: “Junge” (dürfte jeder dank des netten Zombie-Videos kennen) ist die überspitzte Version von Gesprächen die wohl die meisten mal mit ihren Eltern geführt haben (”Mach es sowie der und der”; das übliche Einbläuen von gesellschaftlichen Konventionen). “Lasse redn” ist der Abgesang auf “die Leute”, die ständig Tratschen und die ihre Bildung aus einer großen deutschen Boulvardzeitung haben, die – wie jeder weiß – “aus Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht” besteht. Groß. Lied vom Scheitern bringt es auf die einfache Formel “Du bist immer dann am besten, wenn du einfach ganz normal bist”.
Musikalisch wird wieder viel experimientiert. Für Punkrocksongs blieb eher wenig Platz, dafür gibt es z.B. elektronische Spielerein (”Lasse redn”), auch mal ne langsame Akustiknummer (”Nur ein Kuss”), aber eben auch genug Nummern, die typisch für die Ärzte bzw. einen der drei Ärzte sind. Für der Bonus-EP haben Bela, Farin und Rod je einen Song über die eigene Band geschrieben, dazu kommt ein Hiddentrack. Insgesamt sind die Bonussongs etwas temporeicher als der Rest des Albums, Farins Song könnte mit seinen erneuten elektronischen Spielerein ein neuer Diskohit werden, der Hiddentrack “Nimm es wie ein Mann (a.k.a Kurt Cobain)” ist die härteste Nummer der ganzen Platte.
Zur “Economy”-Version:
Wer sich unter “Economy”-Version einfach eine abgespeckte Version (im Sinne von kein Booklet oder sogar weniger Songs) vorstellt, liegt bei den Ärzten natürlich daneben. Die “Jazz ist anders (Economy)” kommt zwar in schmalerer Ausstattung, ist trotzdem der Hit: Super trashiges Artwork (wie selbstgekritzelt) und alle Songs des regulären Albums sind mit neuen Texten (die sich auch nochmal von den im Booklet abgedruckten unterscheiden) und teilweise auch neuen Melodien versehen worden. Die Aufnahmen sind unter Livebedingungen entstanden und klingen stilgemäß nach Proberaumrecording. Die Scheibe ist mit einer doppelten Portion Ärzte-Humor und -Genialität versehn: Aus “Himmelblau” wird Himmelgrün”, schuld sind natürlich Putin und sein Gas. Die Leute soll man nicht mehr reden lassen, lieber soll Bela sie leben lassen. Zusätzlich gibt’s den ein oder anderen Insider (z.B. Seitenhiebe gegen den ehemaligen Bassisten Sahnie). Großes Kino jenseits der Mainstreamtauglichkeit. Mal wieder ein Häppchen für alle Fans alter Tage.
Fazit:
“Jazz ist anders” ist das, was man von den Ärzten erwartet: gute Musik für junge Menschen. Gewitzte Reime, abwechslungsreiche Songs, ein Gefühl für den Zeitgeist. Trotzdem ist es meiner Meinung nach kein Meilenstein in der unendlich scheinenden Diskographie der Band. Während die “Standard”-Version, wie zu erwarten, mainstreamtauglich ist und vor allem junges Publikum bedient, ist die “Economy”-Version, die nicht im regulären Handel erhältlich ist, mal wieder nen schönes Ding für Fans alter Tage. Großer Humor.
